Absturzstelle Waldsee - Halifax JD322

10 Squadron Royal Air Force



Am 05.09.1943 gegen 19:30 Uhr stieg ein viermotoriger Halifax Bomber der 10. Staffel/10 Squadron Royal Air Force mit der Kennung JD322 ZA-V von der RAF-Luftwaffenbasis Melbourne, in der Grafschaft Derbyshire, Großbritannien auf mit der Mission, einen Angriff auf Ludwigshafen/Mannheim durchzuführen. Als Teil eines Bomberstroms von über 600 Flugzeugen war dies einer der schlimmsten Angriffe auf die beiden Städte im Zweiten Weltkrieg.

Die Besatzung von Halifax JD322 bestand aus zwei Kanadiern und fünf Engländern. Das Flugzeug wurde südlich von Mannheim angeschossen, höchstwahrscheinlich durch Flugzeugführer OFw (Oberfeldwebel) Richard Launer und Uffz (Unteroffizier) Schramm. Der Flug endete auf einem Acker bei Waldsee, Rheinland-Pfalz.  

 

Die Toten, bzw. das, was nach dem Feuer noch übrig war, wurden damals geborgen und auf dem Waldseer Friedhof begraben. Nach dem Krieg (1948) wurden sie exhumiert und nach Rheinberg, im Norden von Deutschland, auf einen Alliierten- Friedhof umgebettet. Das Flugzeugwrack, das größtenteils an der Oberfläche lag, wurde entfernt, und die Stelle verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein. 



Als ich Ende 2015 hörte, dass in Waldsee, wo ich selbst auch wohnhaft bin, im Zweiten Weltkrieg ein Bomber abgestürzt sei, fing ich an zu recherchieren. Schnell fand ich das Datum des Absturzes, die Namen der Besatzung und noch weitere Infos in englischen Datenbanken, aber die genaue Stelle…?! Wo hatte sich das Drama damals genau abgespielt? Der erste Hinweis kam von meinem Schwiegervater. Er ist hier in Waldsee aufgewachsen und bei einem meiner nächsten Besuche fragte ich ihn, ob er etwas über den Absturz weiß.

Er wußte etwas. Und auch ungefähr wo! „Es war ein Halifax, das sagten sie damals jedenfalls, und es waren auch Kanadier drin. Alle sind verbrannt.“ Das alles deckte sich mit meiner Voruntersuchung. Und jetzt wusste ich in etwa, wo es passiert ist. Ich beschloss noch einen kleinen Aufruf im Amtsblatt zu machen. Danach meldeten sich noch mehr Zeitzeugen bei mir.  Das Erforschen der genauen Hintergründe, der genauen Absturzstelle des Halifax und die Suche nach den Nachfahren nahmen ihren Lauf.


Besatzung Halifax JD322 Waldsee

www.aircrewremembered.com


       Pilot Officer Denis Murray D´Eath (Pilot)           Flying Officer Coran Cyman McPherson (Bombenschütze)          Sergeant Eric Hubert Dee (Navigator)


Die letzten Sekunden von Halifax JD322 und seiner Crew beschrieb die Tochter einer Zeitzeugin so: „Meine Mutter hatte den Schlüssel der Kirche und wollte nach dem Angriff sehen, wo es in Ludwigshafen brennt, da dort Familie wohnte. Das Flugzeug kam laut und brennend in sehr niedriger Höhe aus Richtung Limburgerhof angeflogen und drohte in den Ort zu stürzen. Es verpasste um Haaresbreite den Kirchturm von Waldsee. Alle Insassen fanden den Tod“

 

Ein weiterer Zeitzeuge erinnerte sich an die Stelle, an der damals ein abgebrochener Flügel des  Flugzeuges gelegen hatte. Wieder ein anderer Zeuge wusste, wo an anderer Stelle zwei Gummitanks die noch Sprit des Bombers enthielten, gelegen hatten. Außerdem kamen noch weitere wichtige Informationen ans Tageslicht. Es hatte lt. Zeitzeugen sogar noch einen zweiten  Flugzeugabsturz in Waldsee im Zweiten Weltkrieg gegeben. Aber dazu gleich mehr. 



Es stellte sich auch heraus, dass sich in unmittelbarer Nähe der Absturzstelle in  1943, zu Zeiten des Absturzes des englischen Bombers, eine Scheinwerferstellung befand. Diese Stellung wurde in 1944 um eine Radaranlage des Typs Würzburg-Riese ergänzt. Die Stellung ist zur Zeit ein separates  Forschungsprojekt der IG. Es konnten bereits zwei Soldaten, die damals Dienst in dieser Stellung hatten, ermittelt werden. Die Söhne der Soldaten wohnen noch hier in der Gegend. Einer in Waldsee und einer in Speyer.


Sportplatz Waldsee/Pfalz 1943


Die Soldaten der Luftwaffe, die an der Scheinwerferstellung stationiert waren,  haben die Absturzstelle des Bombers in 1943 nach dem Absturz großflächig abgeriegelt und bewacht. Die örtliche Jugend, die heutigen Zeitzeugen die uns heute bei dem Projekt unterstützen, war aber sehr unternehmerisch und einfallsreich. Sie schlichen sich abends einfach von hinten an das Wrack heran. „In der ersten Nacht war das noch ziemlich gefährlich, da das Wrack brannte und die Munition der MG´s ständig explodierte“, wie einer der Zeitzeugen berichtete. „In den darauffolgenden Tagen wurde das leichter.“ Man konnte alles gebrauchen. Sogar Kerosin wurde abgezapft. Aus dem Gummi der Reifenteile wurden Sandalen gemacht.


Ein Zeuge, der sich bei mir meldete, übergab mir den ersten tast- baren Beweis des Absturzes. Eine englische Silbermünze. Eine „half Crown“ aus 1937. Die hatte sein Bruder damals in 1943 an der Ab- sturzstelle aufgehoben, mit nach Hause genommen und gereinigt, da sie schwarz vom Feuer war.

 

Außerdem erzählte der Zeitzeuge, dass der Bruder und seine Kameraden damals am Abend des Folgetages nach dem Absturz noch etwas „entwendet“ hatte. Er hatte das Front-Maschinengewehr des Halifax-Bombers mitgenommen. Der Bruder hatte es zuerst im Gebüsch versteckt, danach wieder abgeholt und mit nach Hause genommen. Im Garten wurde damit rumhantiert und es fielen Schüsse. Die Geschosse bohrten sich in die Steinmauer am Ende des Gartens. Ein Nachbar wurde darauf aufmerksam und informierte sofort die Gendarmerie. Die nahmen es daraufhin mit. Den Wasserhahn, auf den die Jugendlichen das Maschinengewehr beim Rumhantieren aufgelegt hatten, gibt es immer noch. Die Mauer wurde mittlerweile längst neu verputzt. 


MG-Auflage (Wasserhahn)


1. engl. Münze, Absturzstelle Halifax JD322 Waldsee,  Half Crown George VI, 1937


Erstaunlich, was auf einmal an Informationen zu Tage kam. Zeitzeuge Fritz Z., gebürtiger Waldseer, der von Anfang an in die Nachforschungsarbeit involviert war und wichtige Hinweise zum englischen Bomber geben konnte, teilte sogar mit, es wäre bei Waldsee an einer anderen Stelle noch eine Maschine Anfang 1945 abgestürzt, diesmal eine kleinere Maschine, ein amerikanischer Einsitzer bzw. Jäger. Zwei weitere Zeugen bestätigten dies.  Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um einen einmotorigen Jäger des Typs Republic Thunderbolt P47 handelte. Fritz Z. hatte sogar noch ein Foto davon, auf dem die Jugend neben  dem Wrack posiert. Die Soldaten der Luftwaffe, die in Waldsee am nahegelegenen Sportplatz stationiert waren, hatten den Piloten, der mit dem Fallschirm abspringen konnte, gefangen genommen. Die Stelle des Abstürzes konnte mir der Zeuge genau zeigen. Ein anderer Zeuge bestätigte dies und er hatte auch Fotos des  abgestürzten Fliegers im Familienalbum. Anhand der Flugzeugnummer auf den Bildern und dem Recherchieren in den US-Archiven stellte sich heraus, es handelte sich hier um die Maschine von Captain Arthur Durnbaugh, aus Wabash County, Indiana, USA, der den Auftrag hatte, südlich von Heidelberg eine Bahnlinie anzugreifen, dort aber durch Flak (Flieger Abwehr Kanonen)  beschossen und angeschossen wurde. Er schaffte es noch über den Rhein, musste aber nahe Waldsee mit dem Fallschirm abspringen. Neue Fakten, eine neue Geschichte, genug weitere Forschungsansätze, aber zunächst konzentrierten wir uns auf den englischen Halifax Bomber und seine siebenköpfige Besatzung. 


 

Im Zuge der Untersuchung des Halifax-Bomber-Absturzes beschloss ich, mich mit dem örtlichen Heimatmuseum in Verbindung zu setzen. Dort schaute ich, ob es irgendwelche Informationen, Bilder, etc. des Absturzes bzw. von den Abstürzen gab. Die gab es nicht. Aber man hatte im Museum von einem Zeitzeugen schon mal etwas über den Absturz eines englischen Bombers gehört. Dieser Zeitzeuge wurde auch ausfindig gemacht.

 

Helge Geissler vom Heimatmuseum in Waldsee erklärte sich sofort bereit, uns bei diesem Projekt der IG Heimatforschung zu unterstützen und er fing an, die Archive in Waldsee nach Dokumenten zu durchforsten. Und er wurde auch schnell fündig.

 

Etliche Felder und Äcker kamen für den Hauptteil des Flugzeuges in Frage. Irgendwann, durch Mithilfe der Zeugen, kristallisierte sich eine Stelle heraus. Die  betroffene Stelle war aber noch nicht abgeerntet. Eine optische Begehung am Rand des Areals ergab erste Hinweise. Ich fand kleine Reste von Flugzeugaluminium, teils mit schwarzer Tarnfarbe und kleine Stücke Plexiglas. Da wusste ich, wir sind richtig und kurz davor, die Stelle und die Schicksale der Besatzung wieder ins kollektive Bewusstsein zu bringen. 


Zeitzeuge. Stelle, an der damals ein abgebrochener Flügel des  Flugzeuges gelegen hat.
Zeitzeuge. Stelle, an der damals ein abgebrochener Flügel des  Flugzeuges gelegen hat.

 

Die Genehmigungen des Eigentümers und des Pächters wurden bereits während der ersten Untersuchungen erteilt. Auch die Gemeinde war gleich mit im Boot und war sehr kooperativ.  Blieb nur noch, eine Genehmigung der Denkmalbehörde einzuholen, um das Gelände mit Metalldetektoren absuchen zu dürfen und um die genaue Stelle für die Nachfahren der Besatzung und die Nachwelt genau identifizieren zu können. Der Förster, der die Genehmigung für das Befahren der Feldwege geben musste, war auch sehr kooperativ.  Als die Genehmigung der  Denkmalbehörde, für die wir ehrenamtlich tätig sind und mit der wir bei all unseren Projekte eng zusammenarbeiten, eintraf, konnte die Suche an der ermittelten Stelle beginnen. Neben Helge Geissler vom Heimatmuseum Waldsee besteht das Team des  Projekts Halifax JD322 Waldsee aus drei ehrenamtlichen Mitarbeitern der Denkmalbehörde RLP: Markus Bode und meine Person, Erik Wieman, aus Waldsee sowie Peter Berkel aus Schifferstadt. Außerdem noch unser IG-Mitglied/ehrenamtlicher Mitarbeiter der Denkmalbehörde Baden-Württemberg, unser Pilot Ingo Stumpf.

 

Als ich vom Pächter grünes Licht bekam, konnte es losgehen. Da ich vorher schon  am Rand des Feldes kleine Flugzeugteile an der Oberfläche gefunden und auch  Luftbilder ausgewertet hatte, die ich mit Ingo Stumpf beim Überflug gemacht hatte , wusste ich wo die Hauptaufschlagstelle des Flugzeug zu vermuten war. Und so war es.



Das Epizentrum war im Suchraster klar erkennbar. Die Metallsonde hörte dort nicht mehr auf, Signale zu produzieren. Mehrere Monate waren wir dort im Einsatz. Es lag alles voll mit Flugzeugteilen aus Eisen, dem Plexiglas der Kanzeln, Aluminiumteilen, Bakelit, sehr viel Munition, aber auch persönlichere Teile der Besatzung. Dass es gebrannt hatte, war klar erkennbar: Überall lag geschmolzenes Aluminium der Flugzeuginnen- und Außenhaut. Hunderte Munitionsteile wurden geborgen, hauptsächlich im Feuer explodierte Patronenhülsen mit ihren markanten Merkmalen (z.B. das Zündhütchen fehlte bei den meisten Patronenhülsen, da das Zündhütchen beim Erhitzen der Patronen nach hinten herausgesprengt wird, ein klares Brandmerkmal). Aber auch knapp 150 durch die Explosion weggeschleuderte Spreng-/Brandgeschosse und scharfe Patronen wurden angetroffen. Diese wurden vom Kampfmittelräumdienst Räumgruppe Worms abgeholt und entsorgt.



Nach bereits kurzer Zeit und Zusammenfassung aller Fakten bekamen wir nach und nach ein klares Bild über die genaue Position des Flugzeugs, wo sich damals der Cockpitbereich befand, der Winkel, in dem das Flugzeug damals abgestürzt ist und noch eine Vielzahl weiterer Erkenntnisse über den Absturz.  Wir wussten, dass fast alle Insassen bis zur Unkennt- lichkeit verbrannt waren. Die Überbleibsel der Besatzung wurden damals so gut es ging aus dem Flugzeugwrack gebor-gen und auf dem Waldseer Friedhof bestattet. Ein Bereich des Feldes war in dieser Hinsicht sehr auffällig: Es tauchten Münzen der Besatzung, Uniformteile, ein RAF(Royal Air Force)-Abzeichen, Fallschirmreste und Knochenreste in einem Muster auf, die in Richtung des nahegelegenen Weges verliefen. Dort stand damals vermutlich der Wagen, auf den die Toten verladen wurden. Auf dem kurzen Transport dorthin, von der Absturzstelle zum Karren/Wagen, sind diese Teile vermutlich von den schwer verbrannten Leichnamen heruntergefallen.



Nach einer mehrmonatigen umfangreichen Internetsuche, vor allem in Kanada, konnten die Verwandten von allen sieben Besatzungsmitgliedern in Großbritannien und Kanada kontaktiert werden. Und manchmal erfuhren wir zusätzlich interessante Details. Es stellte sich heraus, dass ein  Familienangehöriger eines Besatzungsmitgliedes nach dem Krieg beim NASA-Raumfahrtprogramm involviert war.

 

 

Im Ausland wurde man inzwischen auch auf den Fund im pfälzischen Waldsee aufmerksam. Da im Zuge der Nachfahrensuche mittlerweile auch Aufrufe und Artikel in mehreren englischen Zeitungen zum Fund in Waldsee erschienen waren, Zeitungen die mithalfen, die Nachfahren zu suchen, kontaktierte eine englische Institution die IG Heimatforschung und äußerte großes Interesse an einer Grabung an der Absturzstelle in Waldsee. Erste Kontakte zwischen den Behörden in Großbritannien und Deutschland wurden gelegt. 







Die Absturzstelle wurde beim Landesamt für Denkmalpflege gemeldet und ist jetzt geschützt. Ggfs. weitere wurden mittlerweile erreicht und umfassend informiert. Die Nachfahren waren alle hellauf begeistert, dass sie nach so vielen Jahren überhaupt noch Antworten bekommen auf das, was damals genau passiert ist. Und auch dsas sich jemand darum kümmert, dass ihre Verwandten, die hier gestorben sind, nicht vergessen werden.

 

Wenn alle Maßnahmen vor Ort beendet sind, plant die IG-Heimatforschung einen Gedenkstein an der Absturz-

 

stelle, wie er bereits in Speyer  und  Limburgerhof an zwei Absturzstellen realisiert wurde. Dies wird auch an allen Absturzstellen geschehen, die die IG Heimatforschung RLP zukünftig findet, unabhängig von der Nationalität des Flugzeuges. Die IG Heimatforschung ist bezüglich des Gedenksteins für Halifax JD322 bereits mit der Kommune von Waldsee in Kontakt getreten, wo dieses Vorhaben ebenfalls  sehr positiv angenommen wurde. Jeden Tag laufen Menschen an diesen ehemaligen Absturzstellen vorbei. Sehen tut man nichts mehr von dem, was dort damals geschah. Die Stelle ist praktisch vergessen. Die Namen sind praktisch vergessen. Durch einen Gedenkstein, ein sichtbares Mahnmal,  möchte die IG Heimatforschung RLP an das Schicksal der Verstorbenen, unabhängig von der Nationalität und auf welcher Seite sie damals standen, errinnern. Es waren alle Menschen, ob englische, deutsche, amerikanische oder  französiche Soldaten. Sie alle haben für ihr Land gekämpft und hatten Familien.


Die Nachfahren wissen fast nie, wo ihre Familienmitglieder genau umgekommen sind und was damals passiert ist, bzw. wo genau das Schicksal seinen Lauf nahm. Sie wissen oft nur, dass ihre Familienmitglieder damals von einem Militärstützpunkt losgeflogen sind und jetzt irgendwo auf einem der Sammelfriedhöfe ruhen. Was damals zwischen dem Abflug und dem Grab auf dem Sammelfriedhof genau passiert ist, ist ihnen fast immer unbekannt.

 

Zeitzeugen die sich noch erinnern sterben aus. Unsere Arbeit stellt sicher, dass das Wissen um die fast vergessenen Absturzstellen nicht verloren geht. Außerdem wird es am Ende der Arbeiten, durch ein optisches Mahnmal, wieder ins kollektive Bewusstsein geholt.

 

Die Familien der verstorbenen Besatzungen können endlich umfangreich informiert werden, und können abschließen. Und sie haben eine Stelle, wo sie hingehen können.                                                                

                                                                                                                                                                                    Erik Wieman


Projekt in Bearbeitung/To be continued